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“Jeder Tag ist Frauentag!” — Am 8. März, dem Internationalen Frauentag hören wir diesen euphorischen, höchst wohlmeinenden Ausruf vor allem von Männern. Danke, danke… aber mit Verlaub, Männer, leicht gemacht habt ihr uns unseren Kampf nicht! Jedes Jahr gibt uns der 8. März immer wieder den Anlass, einmal zurückzuschauen und zu sehen, wie weit wir gekommen sind. Wieweit geht heute z.B. die Emanzipation der Frau in den höchsten Bildungsinstitutionen, den Universitäten, die ein Spiegel dieser Gesellschaft auf höchster Ebene sind und aus denen die “Eliten” der Gesellschaft, unter ihnen auch weibliche Führungskräfte, rekrutiert werden sollen? War und ist es nicht tatsächlich der Wunsch der Frauen schon immer gewesen? Endlich auch mal zur "Elite" zu gehören? — Oder etwa nicht?
Patrizia Testa
Anläßlich des Internationalen Frauentages am 8. März führten wir folgendes Interview mit Patrizia Testa, der Frauenbeauftragten in der Fakultät III (Prozesswissenschaften) der TU Berlin. Sie ist die Anlaufstelle für Studentinnen in Not - unter anderem.
Uff'n Wedding: Erzähle von Deiner Arbeit. Was musst Du als Frauenbeauftragte an der TU alles machen? Was sind Deine Aufgaben?
Patrizia Testa: Meine Hauptaufgabe ist, Stellenbesetzungsverfahren zu begleiten, wie es auch vom Gesetzgeber vorgesehen ist. Das fängt an bei studentischen Hilfskraftstellen bis zu Berufungsverfahren für neue Professoren und Professorinnen. Ich gehe nach Möglichkeit zu allen Bewerbungsgesprächen, die an der Fakultät stattfinden. Ich unterschreibe alle Einstellungsanträge. Ohne meine Unterschrift wird dort niemand eingestellt. Dann habe ich Sprechstunden, zweimal in der Woche. Wir versuchen dann geminsam, die Probleme zu lösen: sei es, wenn eine Umsetzung stattfindet, mit der sie nicht einverstanden sind, oder manchmal auch Fälle von sexueller Belästigung. Es kommen Studentinnen, die ein Kind bekommen oder schon ein Kind haben, die irgendwie Hilfe brauchen und sich erkundigen wollen, beraten lassen wollen.
Uff'n Wedding: Wie groß ist der Frauenanteil an dieser Fakultät? Dies ist ein technischer Studiengang, den Du betreust. Wie groß ist das Interesse der Frauen an diesem Fach?
P. Testa: Wir haben sieben Studiengänge an unserer Fakultät. Wir sind eine ingenieur-wissenschaftliche Fakultät, mit einem sehr hohen Frauenanteil. In der Energie - und Verfahrenstechnik und in den Werkstoffwissenschaften haben wir knapp 20% Frauenanteil. In der Umwelttechnik oder Technischer Umweltschutz haben wir knapp 40%. Dann gibt es hier noch die Biotechnologie, die ca. 50 % hat, und die Lebensmitteltechnologie mit knapp 60%. Daran sieht man eben auch, dass es durchaus unter den Studentinnen ein geschlechtsspezifisches Studienwahlverhalten gibt. An anderen Fakultäten wie Maschinenbau und Elektrotechnik sind es zum Teil noch unter 10%.
Uff'n Wedding: Wie ist es mit den weiblichen Lehrkräften?
P. Testa: Die Lehrkräfte setzen sich zusammen aus den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, die in der Regeln Promovendinnen sind. Sie sind in der Lehre unterstützend beteiligt, halten Übungen ab und betreuen meistens Praktika. In unserer Fakultät ist es relativ gut. Der Anteil unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern entspricht in etwa dem der Studentinnen. Erstaunlicherweise ist in der Energie - und Verfahrenstechnik der Anteil der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen sogar höher als der der Studentinnen, etwa 30%. Schlechter sieht es dann wieder unter Professorinnen aus, wobei es da inzwischen eine sehr positive Entwicklung gibt. Vor 5 Jahren hatte unsere Fakultät noch keine einzige Professorin. Mittlerweile haben wir etwa 10 %, also insgesamt 5 Professorinnen, die innerhalb der letzten fünf Jahre berufen worden sind.
Uff'n Wedding: Wie viele Studentinnen gibt es denn aus dem Ausland, die sich für ein technisches Studium an der TU Berlin interessiert haben?
P. Testa: Die TU hat unter den bundesdeutschen Hochschulen eigentlich den höchsten Ausländeranteil, 17% . Dabei unterscheidet die Statistik zwischen Ausländerinnen und Bildungsinländerinnen. Bildungsinländerinnen sind Frauen, die in Deutschland bzw. in Berlin Abitur gemacht haben. Diese sind in der Statistik nicht erfasst. Migrantinnen gelten entsprechend als Bildungsinländerinnen.
Uff'n Wedding: Mit welchen Problemen kommen ausländische Studentinnen zu Dir?
P. Testa: Studentinnen aus dem Ausland können es hier unter Umständen sehr schwer haben.
Ein großes Problem für ausländische Studentinnen ist, wenn sie Kinder bekommen. Ich hatte z. B. eine afrikanische Studentin in der Beratung, die weder Kindergeld noch Erziehungsgeld bekam, und aus ihrem Heimatland nur ein geringes Stipendium hatte. Sie war sehr darauf angewiesen, nebenher zu arbeiten, was sie auch getan hat. Aber dann wurde sie schwanger und konnte nicht mehr arbeiten. Ihre soziale Absicherung war wirklich stark gefährdet. Da habe ich gesehen, in was für einer schwierigen Situation die ausländischen Studentinnen sind, die nicht aus der EU kommen, keine Bafög - Berechtigung haben und nicht einmal Kinder - und Erziehungsgeld bekommen. Sie sind dann wirklich in einer sehr, sehr schlechten Lage, weil sie dann auch arbeiten müssen, ihr Kind betreuen müssen, und das Studium auf die Reihe kriegen müssen. Es war sehr schade, ich hatte sie in der Beratung und konnte ihr kaum etwas Positives sagen. Ich finde es einfach unmöglich, dass sie keine Unterstützung kriegen. Die einzige Unterstützung besteht nur darin, dass sie Anspruch auf eine Tagesmutter oder einen Krippenplatz haben. Das ist die einzige Hilfe, die sie staatlicherseits kriegen, dass die Betreuung irgendwann dann schon geregelt ist. Sie sind dann in der höchsten Bedarfsklasse. In der Regel bekommen sie in solchen Fällen auch einen Betreuungsplatz für ihre Kinder. Sie kriegen auch Probleme, wenn sie zu großen Verzug im Studium haben. Sie können sich zwar vom Professor ausstellen lassen können, ob ihre Studienleistungen entsprechend ihren sozialen Umständen angemessen sind. Dann würden sie eine Verlängerung ihres Studienaufenthalts bekommen. Das müssen sie aber nachweisen und sich bestätigen lassen. Kommen sie ganz stark in Verzug, dann haben sie wirklich ein Problem, und dann sitze ich da als Frauenbeauftragte und kann nichts für sie tun. Ich kann ihnen weder das Kindergeld genehmigen noch das Erziehungsgeld, dazu habe ich nicht die Macht.
Uff'n Wedding: Du hast Dich auch mit sexueller Diskriminierung auseinanderzusetzen. Gibt es einen speziellen Fall, den Du als besonders alarmierend bezeichnen würdest?
P. Testa: Da bin ich jetzt sehr vorsichtig, da herrscht allerhöchste Vertraulichkeit. Was ich sehr schlimm finde, ist, dass die Frauen zwar zu mir in die Beratung kommen. Es gab aber keinen einzigen Fall, in dem die Frau wollte, dass ich als Frauenbeauftragte wirklich aktiv werde, die Hochschulleitung informiere und gegen den Belästiger vorgehe. Es war bis jetzt nur ein einziger Fall, in dem ein Student eine Studentin belästigt hat. Gerade da, wo es ein Hierarchiegefälle gibt, Studentin - wissenschaftlicher Mitarbeiter oder wissenschaftliche Mitarbeiterin und Professor. Hier sind die Frauen nicht bereit, gegen denjenigen vorzugehen. Dann kann ich einfach nur unterstützend beraten. Es ist ganz klar, nur mit dem Einverständnis der Frau würde ich etwas unternehmen können. Das finde dann sehr schade, wenn ich da sitze, über krasse Fälle Bescheid weiß und nichts unternehmen kann, außer die Frau persönlich zu unterstützen.
Uff'n Wedding: Was meinst Du, ist der Grund, warum die Frauen sich so entscheiden, nichts unternehmen wollen oder können?
P. Testa: Es ist meistens so, dass keine Zeugen anwesend sind, wenn so etwas passiert. Jedenfalls waren die Fälle, die mir bekannt sind, nicht mit Gewalt verbunden. Das waren Belästigungen, teilweise auch mit anfassen, aber ohne Gewalt. Dann wäre die Bereitschaft der Frauen, etwas zu unternehmen auch größer. Es gibt auch ein Abhängigkeitsverhältnis einer Doktorandin gegenüber ihrem Professor. Sie müsste dann gegen ihren Doktorvater vorgehen. Es ist einfach sehr schwierig, weil damit auch die Doktorarbeit in Frage steht, die sie bei ihm zu absolvieren hätte. Das ist ein Grund. Ein anderer Grund ist, so denke ich, dass viele Frauen sich in solchen Fällen nicht als Opfer definieren wollen: "Ich bin eine starke selbstbewusste Frau und wenn ich so ein Verfahren eröffne, dass ich Opfer einer sexuellen Diskriminierung geworden bin, dann begebe ich mich in die Opferrrolle". Ich glaube, dass viele gerade selbstbewusste Frauen damit auch ein Problem haben. Und deswegen in das Verfahren erst gar nicht einsteigen möchten.
Uff'n Wedding: Kann man denn annehmen, dass in technischen Fächern solche Art Belästigungen öfter vorkommen als in den geistes - und sozialwissenschaftlichen Fächern? Gibt es in diesen Studiengängen, in denen eine "Männerdomäne" verteidigt werden muß, ein stärker abwertendes Verhalten der Studenten gegenüber ihren Kommilitoninnen, ein größeres "Machismo" als in anderen Studiengängen?
P. Testa: Könnte man annehmen, ist aber nicht so. Die zentrale Frauenbeauftragte erfasst ja die gemeldeten Fälle von sexueller Belästigung. Erstaunlicherweise gibt es in den Sozialwissenschaft wesentlich mehr Fälle. Das mag auch mit der Fachkultur zusammenhängen, dass dort zumindest an der Oberfläche persönlichere Kontakte und Verhaltensweisen gepflegt werden als in den technischen Fächern. Zudem glaube ich, dass in den Sozialwissenschaften, gerade da wenn es um die wissenschaftliche Karriere geht, sich die Herren wesentlich mehr angegriffen fühlen, weil es selbstverständlicher scheint, dass Frauen in diesem Bereich Karriere machen. In den technischen Bereichen fühlen sich die Herren noch nicht so stark herausgefordert. Es kommt auch zahlenmäßig hier nicht so oft vor, dass sie sich der Konkurrenz von Frauen stellen müssen.
Uff'n Wedding: Kann frau sich auch bei Dir "Queer" - Hilfe holen? Denn Frauen sind ja manchmal nicht nur als Frauen diskriminiert, sondern weil sie Frau und außerdem noch lesbisch, bi - , transsexuell etc. sind? Gab es solche Fälle?
P. Testa: Nein, so etwas haben wir nicht. Das ist seitens der TU auch keine Thematik. Aber es gibt im Asta ein Schwulen - und Lesbenreferat. Ich denke, dass sich Frauen in dieser Hinsicht betroffen fühlen, eher an dieses Referat wenden. Bei mir war noch niemand zur Beratung, aber wenn eine käme, würde ich natürlich versuchen, mich ihres Problems anzunehmen und mit ihr versuchen, eine Lösung zu finden. Ich persönlich fühle mich durchaus zuständig, sie kommen aber nicht.
Uff'n Wedding: Wie machen sich denn soziale Kürzungen im Studentinnenleben bemerkbar?
P. Testa: Ich denke, das größte Problem ist, dass der Druck auf Studierende insgesamt immer größer wird, ihr Studium schnell abzuschließen. Die Maßnahmen, die eingeleitet werden gegen Leute, die nicht in der Regelstudienzeit fertig werden, werden immer schärfer, vor allem in den neuen Studiengängen. Das ist natürlich für Leute, die nebenher arbeiten gehen müssen, besonders schwierig. Was man an Kürzungen an der Universität am deutlichsten mitkriegt, ist, dass es immer schwieriger wird, die Lehre aufrechtzuerhalten.
Uff'n Wedding: Kann man denn eine Tendenz an dem Interesse von Frauen feststellen, ein technisches Studienfach aufzunehmen? Ist die Tendenz eher fallend oder steigend?
P. Testa: Es bleibt vergleichsweise konstant. Wir haben eine sehr geringe Steigerungsrate der Studentinnenanteile. Bei den Steigerungsraten bräuchten wir noch 40 Jahre um den 50% - Anteil zu erreichen. Die Universität unternimmt aber mittlerweile sehr viel, um insgesamt Schülerinnen und Schüler zur Aufnahme eines technischen Studium zu motivieren, v. a. Schülerinnen.. Da gibt es verschiedene Projekte, z. B. die Techniktage. Die TU beteiligt sich seit 4 Jahren am Girl's Day. Gerade eben auch Frauen für technisch - naturwissenschaftliche Fächer zu interessieren.
Uff'n Wedding: Aus welchen sozialen Schichten kommen die Frauen, die sich für ein technisches Studium begeistern?
P. Testa: Das ist etwas, was von der Hochschule kaum erfasst wird, aus welchen sozialen Hintergründen die Studierenden kommen. Nach meiner Erfahrung ist es eher so, dass sehr viele Frauen, die etwas Technisches Studieren, in ihrem direkten Umfeld oft ein Vorbild haben. Z.B. ist der Vater Ingenieur oder auch die Mutter, oder sie ist zumindest in einem technikverwandten Bereich tätig. Nach meiner Erfahrung ist es so, dass, wenn Arbeitertöchter studieren, sie dann auch eher etwas Technisches studieren denn etwas Geisteswissenschaftliches. In diesen Schichten ist es von den Eltern eher anerkannt, wenn ihre Schützlinge etwas Konkretes, Greifbares studieren, wo man sich vorstellen kann, dass sich eine Karriere anschließen lässt, als z.B. Kunstgeschichte, wo sich Arbeiter wenig darunter vorstellen können. Was Technisches wird wesentlich stärker mit Karriere verbunden. Das ist natürlich nicht statistisch erwiesen, aber das sind meine Schlussfolgerungen aus meinen Erfahrungen und meinen Gesprächen. Frauen aus Arbeiterfamilien bevorzugen eher ein technisches Studium.
Uff'n Wedding: Wie ist die Entwicklung der Gleichstellung von Mann und Frau aus Deiner Sicht? Haben wir innerhalb der letzten dreißig Jahre Fortschritte gemacht?
P. Testa: Ich denke, dass sich in den letzten dreißig Jahren tatsächlich sehr viel getan hat. Es ist zumindest selbstverständlicher geworden, dass Frauen technische, naturwissenschaftliche Berufe ergreifen. Was es nicht mehr gibt, ist offene Diskriminierung, von wegen "die Frauen haben in dem Bereich nichts zu suchen!" Es wird nicht mehr offen ausgesprochen, selbst wenn der eine oder andere es denkt. Aber "normal" ist es auch noch nicht, dass eine Frau so etwas studiert. Es wird immer noch als etwas Außergewöhnliches empfunden. Für mich ist die Gleichberechtigung erst erfüllt, wenn die Verbindung Frau & Technik tatsächlich als etwas vollkommen Selbstverständliches angesehen wird. Es ist zwar schön, wenn wir positive Reaktionen bekommen, wie: "Das finde ich aber toll, dass du so etwas studierst!" Das ist aber für mich immer noch ein Zeichen dafür, dass es nicht normal angesehen wird, wenn eine Frau zum Beispiel Energie - und Verfahrenstechnik studiert! Ein Mann würde ja auch nicht gelobt, wenn er Technisches studiert! Die Entwicklung geht aber, sehr langsam zwar, schon in die Richtung. Gesellschaftliche Entwicklung lässt sich eben nicht übers Knie brechen. Es gibt ein schönes deutsches Sprichwort: "Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen."
Uff'n Wedding: Du wohnst in Wedding. Was gefällt dir hier? Und was gefällt Dir eher nicht? Was würdest Du ändern wollen?
P. Testa: Ich wohne seit 26 Jahren in Wedding und ich wohne sehr gerne hier. Eigentlich seit ich in Berlin bin. Ich komme ursprünglich aus Westdeutschland. Was ich an Wedding mag, ist dass es so ein unprätentiöser Bezirk ist. Kein Schickimicki wie in Prenzlauer Berg oder in Mitte. Wobei wir ja eigentlich auch jetzt in der "Mitte" sind. Für mich bleibt der Wedding Wedding. Auf der anderen Seite muß ich die Armutsentwicklung als das Negative an Wedding bewerten. Die soziale Schichtung und die sozialen Probleme nehmen zu, und so etwas sieht man natürlich nirgendwo gern. Das ist eine Entwicklung, die es aufzuhalten gilt. Aber weil ich selbst auch aus einer Arbeiterfamilie stamme, lebe ich gerne hier. Ich glaube, ich würde mich in Zehlendorf nicht wohl fühlen, selbst wenn ich das Geld hätte. Wenn ich im Lotto gewinne, kaufe ich mir eine Eigentumswohnung in Wedding!
Das Interview führte Havva Kökbudak, Die Linke.PDS, BO — Wedding
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