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29. Januar 2007

Wir müssen von ihm lernen

von Arslan Yilmaz

In einem Klima aus Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Hass auf Andersdenkende in der Türkei ist der armenische Journalist Hrant Dink ermordet worden. Er war zur Zielscheibe geworden, weil er nicht nur Armenier, sondern ein guter Demokrat und ein Linker war und weil er den Völkermord an den Armeniern artikulierte. Er wurde von denjenigen ermordet, die den Frieden im Lande und Geschwisterlichkeit unter den Völkern nicht haben wollten und wollen.

Kurz vor seinem Tod hat er geschrieben: “Die Selbstquälerei nimmt wie ein Reflex ihren Lauf. Die eine Seite der Qual besteht aus Neugier, die andere aus Unruhe. Ich bin wie eine Taube. Habe mir Augen angeeignet, rechts, links, vorne, hinten. Der Kopf ist sehr wendig und schnell.”

Er war das erste Opfer des damals neu modifizierten berüchtigten Paragrafen 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der die “Beleidigung des Türkentums” unter Strafe stellt. Das Gerichtsverfahren wurde zum Spießrutenlauf. Der Richter der letzten Instanz bestätigte die Haftstrafe, obwohl der Staatsanwalt die Anklage fallen lassen wollte. Dink übergab seinen Fall kurz vor dem tödlichen Attentat dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. In den letzten Tagen gab er in Interviews bekannt, dass er zum ersten Mal ernsthaft erwogen habe, mit seiner Familie das Land zu verlassen. Dies war zuvor für ihn niemals in Frage gekommen, denn wie fast alle verbliebenen Armenier in der Türkei fühlte er sich mit dem Land, in dem er geboren und aufgewachsen war, sehr verbunden. Doch in der hitzigen Diskussion um den Paragraphen 301 und seine Person wurde die Atmosphäre immer bedrohlicher. Vermeintlich freundliche Warnungen von höheren Stellen und anonyme Morddrohungen häuften sich.

Das lange dauernde Gerichtsverfahren gegen ihn war begleitet von rassistischen Beschimpfungen und Drohungen, die ihn per E-Mail oder Post erreichten und sich auch gegen seine Familie richteten. Die zuständigen Behörden wollten von einer Bedrohung nichts wissen, Dink war zutiefst beunruhigt. Neun Tage nach Erscheinen dieses verzweifelten Textes wurde er in Istanbul vor dem Redaktionsgebäude der von ihm 1996 gegründeten Zeitung sitzt, ermordet. Der 32 Stunden nach der Tat gestellte und weitgehend geständige 17-jährige Schütze wird gegenwärtig verhört. Seine besten Freunde sind aus dem Dunstkreis der ultranationalistischen Partei MHP (Graue Wölfe).

Der Journalist kritisierte auch unmissverständlich die Gleichgültigkeit und das gegenseitige Desinteresse von nationalistisch denkenden Diaspora-Armeniern in der Türkei und dem übrigen Ausland und den politisch Verantwortlichen in Armenien. Dink glaubte an die Kraft der Annäherung, die sich beispielsweise in Form von Reisen junger Diaspora-Armenier nach Armenien zeigen sollte. Dies sei für ihn fruchtbarer auf dem Weg zur Identitätsfindung als der ewige Hass auf Türken.
Die Ermordung von Hrant Dink scheint bei den Demokraten eine Schleuse zu öffnen, die fataler Weise lange geschlossen war. Vielleicht überdenken sie nun die Haltung, mit der sie beispielsweise Orhan Pamuk alleine ließen, als dieser nach seiner Verhandlung wegen des Paragraphen 301 das Gerichtsgebäude verließ und vom aufgebrachten Mob beschimpft wurde.

Der Schrei von 100 Tausenden auf der Straße: “Wir sind alle Hrant, wir sind alle Armenier”, die ihm am 23.01.07 die letzte Ehre erwiesen haben, ist ein Zeichen und ein richtiger Schritt in Richtung Demokratisierung.


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