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6. April 2006

Gewalt an Schulen - Ursachen und Auswirkungen

von Arslan Yilmaz

Seit die Lehrer der Rütlischule in Neukölln sich mit einem offenen Brief an den Schulsenator wandten und die Zustände in ihrer Schule anprangerten, geht ein Aufschrei durch die Republik. Das Thema "Gewalt an Schulen" füllt die Abendprogramme der Fernsehanstalten und die Zeitungen. Dabei ist die Gewalt an Schulen kein neues, sondern ein seit Jahren existierendes Problem, welches dem Berliner Senat schon lange bekannt war, dem jedoch keine Bedeutung beigemessen wurde.

Seit Jahren bedeuten die Hauptschulen für die meisten Schüler eine Endstation. Für Abgänger von Hauptschulen bieten sich auf dem Arbeitsmarkt wenig Perspektiven und nach der Schule warten Hartz IV, Frustration und Resignation. Das Leben ist zu Ende, bevor es richtig begonnen hat. Dies gilt sowohl für deutsche Jugendliche, als auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Vor allem die CDU/CSU sieht diesen Vorfall als gefundenes Fressen und entfacht erneut eine Integrationsdebatte. Jeder, der diese Problematik auf mangelnde Integrationsbereitschaft reduziert, macht es sich sehr einfach und lenkt von den eigentlichen Problemen ab.

Doch gerade dies scheint die Absicht zu sein, die hinter diesem ganzen Medienrummel steckt. Der bayerische Ministerpräsident zieht innerhalb weniger Tage ein Konzept aus der Schublade, das Kindern in Bayern, die bei Schuleintritt nicht Deutsch sprechen, den Weg auf die normale Schule versperren soll. Eltern, die sich nicht integrieren wollen, d.h. die verhindern, dass ihre Kinder Deutsch lernen, sollen sogar abgeschoben werden können. Die Medien schlagen in die gleiche Kerbe. Wenn Spiegel-TV nichtdeutschen Schülern Geld anbietet, damit sie Mülleimer aus den Fenstern schmeißen oder Steine werfen, sollen damit bewusst ausländerfeindliche Ressentiments in der Bevölkerung geschürt werden.

Das Problem ist vielschichtig und liegt nicht primär in der arabischen oder türkischen, sondern in der sozialen Herkunft der Schüler und in ihrer Perspektivlosigkeit. Neukölln oder Wedding sind soziale Brennpunkte mit hoher Arbeitslosigkeit und hoher Armutsrate. Durch die Arbeitsmarktpolitik der Schröder-Regierung ist eine ganze Bevölkerungsschicht, Deutsche wie MigrantInnen, von der Arbeitswelt ausgeschlossen, sprich "desintegriert" worden. Bei Menschen mit Migrationshintergrund beträgt die Arbeitslosenrate 26%, bei der deutschen Bevölkerung 16%. Im letzten Jahr hat kein einziger Abgänger der Rütlischule einen Ausbildungsplatz erhalten. Kann ein Jugendlicher eine Perspektive haben und Motivation aufbringen, wenn bereits die Eltern durch das soziale Netz gefallen sind? Wenn er auf sich aufmerksam machen will, ist das nur über negative Schlagzeilen möglich.

Ein weiteres Problem ist das starre deutsche 3-Klassen-Schulsystem, ein Relikt aus der Kaiserzeit, das bereits im Alter von 10-12 Jahren den Lebensweg des Kindes vorbestimmt und die vermeintliche Spreu vom Weizen trennt. Eine Reform, die in anderen europäischen Ländern bereits vor Jahrzehnten erfolgt ist, ist überfällig.

Auch die Lehrerausbildung ist dringend reformbedürftig. Der Lehrer als reiner Wissensvermittler hat ausgedient, er muss künftig auch verstärkt sozialpädagogische Aufgaben übernehmen und Erziehungsdefizite der Eltern ausgleichen. Wer Gewalt an Schulen bekämpfen will, muss die Eltern mit einbeziehen. Um auch ausländische Eltern aus bildungsfernen Schichten zu erreichen, müssen Migrantenverbände und Moscheen als wichtige Bindeglieder zu den Eltern in die Pflicht genommen werden.

Grundlage aller Bemühungen zur Verhinderung von Gewalt ist eine konstruktive Migrationspolitik. Einwanderung ist keine Bedrohung, die durch absurde Fragebögen erschwert oder abgewehrt werden muss, sondern gesellschaftliche Realität. Zu einem friedlichen Zusammenleben gehört ein Schulsystem, das allen die Möglichkeit zur Bildung und Ausbildung eröffnet und niemanden aufgrund seiner sozialen Herkunft ausschließt.

Jetzt, da die Diskussion entfacht ist, müssen Lehrer, Eltern, Schüler, Deutsche wie Nichtdeutsche, massiven Druck auf die Regierung ausüben und dürfen nicht locker lassen, bis dieses vorsintflutliche System durch ein zeitgemäßes, modernes Schulsystem ersetzt wird, das auch Menschen mit Migrationshintergrund und Mehrsprachigkeit berücksichtigt.

Wir haben die Macht!


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